Kurzgeschichte über Pippa & Camilla … oder wenn das Reisen nur noch im Kopf stattfindet

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  • Beitrag zuletzt geändert am:März 29, 2024
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Das auf und ab mit den Hoffnungen, dass es mit dem Covid-19 endlich vorbei geht und alles wieder «normal» wird, hat in den letzten sechs Monaten zwar stark an meinen Ressourcen gezehrt, aber als am 31. März ich mein Job quittiert habe und in Frühpension hinübergelaufen bin, ist mir eine Last vom Herz gefallen. Keine Verpflichtungen mehr und kein Homeoffice aus dem Küchentisch aus. «Jetzt wird es alles wieder gut» dachte ich mit wenig Überzeugung. Endlich Zeit, Zeit um die Reisen zu planen und durchzuführen, die ich und Sabine seit Langem in unseren Schubladen wie Familienschmuck aufbewahrt gehalten haben.

Die Gegenwahrt hat aber mir des Besseren gelehrt. Nochmals Warten und Hoffen ist angesagt. Ich habe unsere Reisedestinationen in Funktion der möglichen Grenzöffnung mehrmals angepasst. Varianten geschmiedet und wieder verworfen.

Und so türmen sich in der Zwischenzeit die unterschiedlichsten Reiseführer, Offroad-Bücher, Topo- und Strassenkarten, Ausdrucke aus dem Internet auf meinem Bürotisch. Nicht selten habe ich das Gefühl, dass diese schiere Menge von Informationen, Tipps und Empfehlungen mich wie ein Schiff auf stürmischer See zu nahe an eine gefährliche Küste bringen und ich an diese zu krachen drohe.

Wie finde ich einen Weg aus diesem Dilemma?

Ich schaue aus dem Fenster raus und lasse meine Augen über den Nachbargarten gleiten. Ich stelle mich die angestrebten Reisen vor. Ich versuche das Informationschaos in meinem Kopf logisch einzuordnen. Ich male mich eine Route aus. Ein Offroad-Track hier, eine Sehenswürdigkeit dort, ein Camping im nächsten Dorf … Nicht selten vergehen so Stunden. Ich schwebe einfach dahin und versuche somit einen Weg aus diesem Informationslabyrinth zu finden.

Während einer dieser «Ausschweifungen» überraschten mich Pippa und Camilla (so habe ich sie, ohne ihre Meinung dazu zu holen, getauft) im Nachbargarten. Zwei schneeweisse Hühner mit feuerroter Haube. Als ich gestern Abend, noch bevor ich zu Bett gehen wollten, auf dem Balkon den klaren und frostigen Himmel beobachtete, sah ich Leuten mit Stirnlampen im Nachbargarten. Sie trugen eine schwere Kiste und sprachen leise. Etwas verdutzt ging ich zu Bett ohne mich gross den Kopf darüber zu zerbrechen.

Und heute … heute watscheln sie friedlich und unbekümmert im abgesteckten Zwinger hin und her als die gestrige Ankunft Nichts gewesen wäre. Sie bewegen sich Seite an Seite wie zwei Synchronschwimmerinnen und wirbeln Unmengen von gedörrten Blättern des Haselstrauches auf. Ich muss zugestehen «Ich liebe Hühner!» … nicht nur in kulinarischer Hinsicht. Wer ist noch nicht ihrem schelmischen und gleichzeitig neugierigen und entwaffnenden Blick verfallen?

Pippa und Camilla sind auf ihre Suche nach Futter sehr akribisch und, mit dem ständigen Blick auf dem Boden, sehr fokussiert. Sie lassen sich von Nichts ablenken. Nicht einmal vom Lärm der naheliegenden Baustelle. Nicht einmal von den kalten Windböen der Bise, die uns seit einigen Tagen ein paar kühle frierende Momente beschert. Nicht einmal von den kreischenden Kindern auf dem naheliegenden Spielplatz. Die Ruhe selbst!

Mit der Strategie eines Rasenmährer-Robots suchen sie nach Körnern, saftigen Würmern, fetten Raupen oder jagen nach Käfern, die zur falschen Zeit am falschen Ort aufkreuzen. Das rhythmische Scharren ihrer Beine fasziniert mich. Einmal links, zweimal rechts, einmal links … und umgekehrt. Diesbezüglich scheint es keine «bewusste Methode» dahinter zu stecken. Mit welchem Bein sie mit dem Scharren beginnen, ist zufällig. Präferenzen scheinen sie nicht zu haben.

Nach getaner Arbeit liegen Beide unter dem Haselnussstrauch und geniessen einen Staub-Bad. Welche Ruhe strahlen sie aus. Der tägliche Lauf der Dinge. Jeder Morgen immer wieder von neu aus. Sie freuen sich sichtlich, die zu dieser Jahreszeit immer noch sehr frische Morgenluft einzuatmen. Mit dem hochgestreckten Kopf erkunden sie regelmässig die Umgebung. Ihr Horizont ist der Gartenhag. Da sie aber den Kopf schnell wieder senken, scheint alles was weiter weg ist, sie nicht besonders zu interessieren. Sie verlieren offensichtlich keine Gedanken über das Reisen, über Covid-19, über was morgen kommen könnte und über alles Anderes, was uns Menschen zu plagen scheint. Das alles liegt offensichtlich nicht in ihrem Wirkungsradius. Carpe diem!

Und so habe ich mich auch entschieden, nicht weiter als «meinem Gartenhag» zu schauen. Mich im Tag einzugeben und mit Neugierde mich, von all was passieren wird, überraschen zu lassen. Soll es kommen, wie es kommen soll. Es liegt nicht in meiner Hand. Ich schaue weiter aber bewusster aus dem Fenster raus und lasse meine Augen weiterhin über den Nachbargarten gleiten und meine Reisen finden heute im Kopf statt.

Pippa und Camilla begleiten mich dabei.

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