Marokko 2022: Reisetagebuch
14. - 23. Oktober
Tazzarine - Merzouga
Das Wichtigste in Kürze:
Wir entdecken südlich von Tazzarine die Felsgravuren von Ait Ouznik. Von Skoura aus überqueren wir die westlichen Sarhro-Berge und bleiben bei der Betrachtung der gewaltigen und überwältigenden Landschaft sprachlos. Über drei 3’000 m ü.M.-Pässe erreichen wir das isolierte und faszinierende Hochtal Ait Bou Guemès. Hier treffen wir zum ersten Mal auf Schnee und stürmisches Wetter.
Auf dem Weg nach Imilchil sichten wir den gewaltigen Felsendom Cathedrale de Roches und als wir kurz nach Tifuina die Assif Melloul Schlucht durchfahren, fallen uns unsere Unterkiefer auf den Boden. In Merzouga geniessen wir die Pisten rund um die schönen Sanddünen des Erg Chebbi und bleiben mehrmals im Sand mit Hannibal stecken.
Freitag, 14. Oktober, Tazzarine – Skoura
Wetter: Windig, Wüstensand ist in der Luft, Sonnig. Temperatur 18 – 26°C
Da wir nicht genug vom Jebel Sarhro kriegen können, überqueren wir ihn nach dem gestrigen Ruhetag gleich noch einmal. Diesmal von N’kob aus nach Skoura. Zuvor besuchen wir jedoch die Felsgravuren von Ait Ouznik. Dort erwartet uns ein Wächter, der uns gegen einen Obolus die Stätte zeigt. Stilisierte Giraffen, Gazellen, Pferde, Vögel, Fangnetze, Fischreusen, Steinschleudern und andere grafische Muster zeugen vom einstigen Fauna-Reichtum in der heutigen Trockensteppe. Besonders angetan hat es uns eine sehr deutliche Straussen-Ritzung.
Die heutige westliche Sarhro-Überquerung lässt sich landschaftlich nicht mit derjenigen von vorgestern vergleichen. Dennoch ist sie gewaltig und überwältigend. Wir hottern in einem ständigen Stop-and-go. Fotografieren, filmen, wiederum fotografieren, wechseln der Kamera ….
Völlig entkräftet kommen wir am Abend im in der Oase von Skoura versteckten Dar 123 Soleil an. Als wir durchs Eingangstor fahren, haben wir Zweifel, ob das Camping bzw. Gästehaus geöffnet haben: Der Platz wirkt vernachlässigt, ein Bauarbeiter mauert an den Wasseranschlüssen, kurzum es herrscht ein Tohuwabohu. Als wir den Motor abstellen, kommt jedoch ein kurliger Herr mittleren Alters mit Hut auf uns zu gerannt und beteuert, dass das Dar offen ist und die Köchin für uns ein Couscous kochen wird. Doch zuerst führt er uns durch das einfache Haus und zeigt uns die desolat, in viel zu engen Gehegen gehaltenen Gänse, Enten und Hühner sowie den herzzerreissend schreienden Esel.
Das draussen servierte Nachtessen ist exquisit und das erste Bier in Marokko ein Genuss. Müde und zufrieden lassen wir den Tag ausklingen.
Samstag – Montag, 15. -17. Oktober, Skoura über das Tal der Rosen ins Tal Ait Bou Guemès
Wetter: ab und zu durchdringt ein Sonnenstrahl die dicke Wolkendecke, nachts starker Regen, Temperatur kühlnasse 6 – 16°C
Auf dem Weg ins isolierte Hochtal Ait Bou Guemès (das glückliche Tal), überqueren wir drei steile Pässe über 2’800 m ü. M., fahren unendlich viele Serpentinen, begegnen einsamen, kargen Tälern und benötigen für eine Strecke von ca. 180 km 8 Stunden. Hannibal hat seine Zeit gebraucht, um die Höhenunterschiede zu bewältigen.
Im zweiten Gang und bei 20 km/h «kriecht» er gemächlich, ruhig und stoisch wie ein alter Esel (sorry Hannibal!) die steilen Bergflanken hinauf. Kurz bevor wir die letzte Passhöhe beim Tizi-n-Ait Imi (2’913 M.ü.M) erreichen, werden wir von einem Wolkenbruch überrascht. Schnell wird die Piste «seifig» und die Räder verlieren ihre «Griffigkeit». 300 m über unseren Köpfen schneit es bereits und die Sicht wird allmählig schlechter. Zum Glückt scheint nach kurzer Zeit die Sonne wieder und wir beginnen die lange Abfahrt ins Tal. Motor und Bremsen werden heute stark strapaziert.
Die Hochebene vor Tabant kündigt sich mit kleinen isolierten Lehmsiedlungen, die an den steilen Berghängen kleben, an. Im Hochtal angekommen, stossen wir auf eine sattgrüne breite und sich über 35 Kilometer – zwischen dem Dorf Agouti und dem See Izourar – dahinziehende Oase. Hier wird alles angepflanzt, was die Leute im Alltag brauchen und darüber hinaus Äpfel (gemäss den Talbewohnern, die besten Marokkos, besser sogar als diejenigen von Midelt) für die Städte. Wir weichen Turm hohen mit Äpfeln beladenen Lastwagen, deren Achsen quietschen und deren Ladung gefährlich schwankt, aus.
Im kleine Hotel Flilou – La Maison Berbère in Agouti beziehen wir ein kleines, blitzeblankes frostiges Zimmer mit superwarmer Dusche. Die Halbpension für zwei Personen beträgt gerade Mal lächerliche 500 DRH bzw. 50 CHF.
Doch der Wettergott meint es nicht gut mit uns. Die satte kühle Brise vom Vortag geht am nächsten Morgen in Sturmböen über und am Mittag prasselt ein kräftiger Regen nieder. Der 4000er Ighil M’Goun ist mit Neuschnee überpudert. Wir haben gerade genug Zeit, um den Hügel zum kreisrunden Getreidespeicher Marabut Sidi Moussa zu besteigen, die verrückten Marathonläufer zu beobachten, die sich auf den Hügel hinaufkämpfen und zur etwas gemütlicheren Ecolodge Touda nach Tabant zu fahren.
In der Ecolodge Touda beziehen wir ein schön eingerichtetes Zimmer und werden in der einladenden Lounge zuerst einmal mit Tee, Nüssen, Biskuits und frisch gepresstem Apfelsaft aus der Region verwöhnt. Hier werden wir zwei Tage ausruhen und mit der Equipe des Hauses – dem charmanten und immer ein Lied auf der Lippe habenden Ahmed und der scheuen, exquisiten Köchin Nemja – lachen und uns austauschen.
Dienstag, 18. Oktober, Tabant – Imilchil
Wetter: Der stürmische Wind der letzten Tage hat sich etwas gelegt, die Sonne scheint. Temperatur kühlnasse 10 – 20°C
Ungern verlassen wir um 10:00 die Touda Ecologe in Richtung Infrane. Bezüglich Routenwahl sind wir noch unschlüssig. Schlussendlich entscheiden wir uns für die wenig bekannte Assif Melloul-Piste. Zuerst folgen wir jedoch dem von Pistenkuh beschriebenen Weg und nehmen von Tabant aus die RR302 bis zum Dorf Zaouia Ahansal.
Nach Tabant erklimmen wir nochmals eine Passhöhe von 2’782 m ü. M., werden aufgrund der wie gefaltete Tortenstücke das Innere nach aussen kehrenden Verwerfungen Zeuge der hier vorherrschenden Geologie und kommen in der Gemeinde Assemsouk an einem toten Wachholderwald vorbei. Dies ist umso trauriger, da die robusten Bäume bis zu 1000 Jahre alt werden können und die Übernutzung durch den Menschen ihr Todesurteil war. Nur einige wenige haben dem Tod ein Schnippchen geschlagen und tragen wieder ein wenig Laub. Die Sicht auf die umliegenden Bergformationen ist grandios. Von weitem sehen wir bereits die Cathedrale des Roches, ein gewaltiger Felsendom, der wie ein Wächter das Tal grimmig beobachtet und vor Eindringligen zu beschützen scheint.
Da das asphaltierte Strässchen gut unterhalten ist, haben wir ein wenig Zeit die in Marokko verbrachten Tage zu resümieren: Auf dem Lande ist der Esel immer noch das Haupttransportmittel für Mensch und Ware. In stark kupierten und steilen Geländen wird der Natur durch Terrassierung etwas Erde für den Ackerbau abgerungen. Die harten und zum Teil bereits erwachsenen Gesichtszüge der Kinder zeugen vom entbehrungsreichen Leben in der Abgeschiedenheit des Hohen Atlas. Wo das Leben hart ist, ist Gemeinschaftssinn gefragt.
Ein Zeichen hierfür sind die Speicherburgen, die die Dörfer überragen – ein schöner von Amerikanern restaurierter Speicher liegt in Amezray bei Zaouia Ahansal. Aber auch in der Abgeschiedenheit und in ärmlichen Regionen ist das Handy ein omnipräsentes Statussymbol bei Jung und Alt. Demgegenüber ist die Landwirtschaft im Mittelalter stecken geblieben. Die Felder werden noch mit dem Esel gepflügt und von Hand gehackt. Mit Sicheln ausgerüstete Frauen bringen über dem Boden gebückt die Ernte ein.
Kurz nach Tifouina wird aus der schmalen asphaltierten Strasse eine leicht holprige Piste, die durch einen Kiefernwald führt. Hier zweigen wir auf ca. 1’150 m ü. M. rechts in die Assif Melloul Schlucht ab … und unsere Unterkiefer fallen runter. Was für ein Spektakel! Die Schlucht ist eng, die Piste schmiegt sich, nein sie klebt regelrecht, an der steilen und fast senkrechten Felsenwand. Hellgrünen Kakteenkissen «weichen» das sonst so brachiale Bild etwas auf.
Hie und da verbindet eine schmale Fussgängerbrücke die zwei Seiten der Schlucht. Ein Zeichen dafür, dass irgendwo am Berg immer noch Menschen leben. Zeugen dafür, dass hier im Tal immer noch gelebt wird, sind auch die wenigen bestellten Felder (Luzerne, Kartoffeln, Äpfel …) in Flussnähe. Neben den Menschen sind hier auch Affen anzutreffen. Eine Familie von Makaken springt uns vor die Motorhaube, als wir sie bei der Futtersuche aufschrecken. Sobald sie sich in der Felsenwand in Sicherheit gebracht haben, beobachten sie uns arrogant von oben herab.
Je tiefer wir in die Schlucht eindringen, desto imposanter wird die Szenerie. Kurz vor dem Dorf Anergui weitet sich die Schlucht … und wir sind in Utah angekommen!
Nach Anergui, wo wir bei einer Gite hätten übernachten können – es aber nicht getan haben (die Gründe haben sich in unseren Gehirnwindungen aufgelöst) – folgen wir einer relativ gut unterhaltenen und geteerten Strasse bis Tafsrat N Ait Abdi. Als wir langsam auf den engen, ungepflasterten Gassen durch das Dorf fahren, rennen Kinder – in der Hoffnung, dass es etwas zu holen gibt – auf uns zu. Sie werden von uns (leider für sie) eines Besseren belehrt. Das Bild eines Dorfes aus einer anderen Zeit wird dadurch verstärkt, dass die Lehmstrasse, da es vor kurzem geregnet hat, schlammig ist. In diesem Schlamm suchen Hühner nach etwas Essbaren, spielen Kinder miteinander und eine Gruppe Frauen kauert über einem Rinnsal und wäscht Kleider. Männer laden eine Fuhre von Säcken mit Trockenmist von einem Transport ab. Die Äcker für die kommende Saison müssen vorbereitet und bestellt werden. Der Mist ist für eine «gute» Ernte unverzichtbar.
Zu guter Letzt werden wir am Dorfausgang von einer auf einer wilden Mülldeponie weidenden Schaf- und Ziegenherde verabschiedet.
Gedankenverloren fahren wir weiter und übernachten zum zweiten Mal am Islit See nördlich von Imilchil. Diesmal ist kein Regen in Sicht. Weit und breit kein anderer Wagen. Wir sind allein. Nur ein lästiger Wind fegt durch die Gegend und lässt die sich bereits nicht angenehm anfühlende Temperatur noch kühler erscheinen. Wir basteln wenig überzeugt ein Nachtessen zusammen und gehen früh zu Bett. Der Himmel ist pechschwarz und lässt die Milchstrasse strahlend wirken.
Kaum haben wir uns in die «Horizontale» gelegt, schon beginnen die Böen heftiger zu werden. Wir versuchen dies lange zu ignorieren … bis wir um 02:00 am Morgen das Hubdach notfallmässig einfahren müssen. Durch den stürmischen Wind lässt sich das Hubdach nur grossem Kraftaufwand senken. Der Umzug vom oberen ins untere Schlafgemach dauert knapp fünf Minuten. Bis kurz nach Sonnenaufgang werden wir wie eine Nussschale im stürmischen Meer hin und her geschüttelt.
Mittwoch – Donnerstag, 19. – 20. Oktober, Imilchil – Tinghir via Gorge Boumalne de Dadès
Wetter: Sonnig. Temperatur 8 – 24°C
Etwas benommen brechen wir am Morgen auf. Die Pappeln leuchten mit ihrem gelborangen Kleid in der kühlen Morgenluft und bilden einen hübschen Kontrast zu den sattgrünen Feldern und den kahlen steilen mit Gesteinsschichten durchzogenen braun-rot-beigen Bergen. Die Frauen und Kinder, die entlang der Strasse mit Eseln unterwegs sind, haben Wolldecken um die Schultern geschlungen.
Der Nationalstrasse RN12 entlang reihen sich kleine staubige Siedlungen von Feldern umgeben aneinander. Während auf den Äckern hochbetriebt herrscht, langweilen sich die kleinen Kinder auf dem staubigen Boden sitzend vor dem Haus. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als den nah an ihnen vorbeisausenden Autos zuzuschauen und ihnen nachzuwinken. Für Fabrizio und mich ein trostloses Bild. Wir sind froh, als wir auf eine Nebenstrasse abzweigen können und auch darüber, dass der Track über Agoudal, Msemrir und die Dades-Schlucht kürzlich bis zur Passhöhe Tizni-n-Ouano asphaltiert wurde.
Auf 2’915 m ü. M. angekommen, geht die dreispurige Strasse abrupt in eine schmale steinige und einspurige Piste über. Was folgt ist einfach atemberaubend. Doch bevor wir das Panorama geniessen können, werden wir von einem entgegenkommenden Lastwagen erschreckt, der breiter als die Piste scheint. Wir schicken uns an, die paar Hundert Meter bis zum Asphalt im Rückwärtsgang zurückzufahren, als der LKW uns mit Lichthupen zu verstehen gibt, dass er auf einer Ausweichstelle auf uns wartet und wir passieren können. Wir wundern uns, wie er es bis hierhergeschafft hat. Von Msmerir bzw. dem Dörfchen Tilmi her sind gut 900 steile Höhenmeter und enge Kurven auf einer Piste zu bewältigen. Wir benötigen für die nächsten 12 km auf steiniger Piste bis zum Beginn des Asphaltbelags vor Timli gute zwei Stunden. Die Aussicht von der Hochebene auf den «Grand Canyon» Marokkos ist unbeschreiblich und überwältigend. Wir können den Blick auf die Schlucht gar nicht oft genug knipsen und treffen dann auf zwei sympathische junge Berner (schon wieder Berner), die es mit ihrem Volkswagen T2 ebenfalls, wie der LKW die steilen Kehren hinaufgeschafft und auf rund 2’800 m ü. M. übernachtet haben. Nach einem lockeren Erfahrungsaustausch fahren wir weiter durch die enge Dadesschlucht bis nach Tinerhir.
Auf dem Camping Altlas wollen wir uns nach den vielen Kilometern der Vortage einen Tag erholen und durch die schöne Oase schlendern. Auf unsrem Spaziergang durch die marokkanische Gärten Edens treffen wir auf viele Frauen, die über ihre Kleidung ein weisses Tuch geschlungen haben – ein Zeichen der Trauer wie uns später Mohammed vom Camping erklärt. Sie hüpfen behände mit Ihren Gummi-Sandalen über den Wassertragenden Fluss von Stein zu Stein und kichern über unsere Unbeholfenheit, es ihnen gleichzutun. Gute zwei Stunden lustwandeln wir durch diesen Ort der Ruhe und besichtigen auch die alten verlassenen Ruinen eines Lehmdorfes. Wir werden von den Leuten, die uns begegnen freundlich mit «ça va?» begrüsst. Oft reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus, um auf unsere Gegenfrage zu antworten. Als wir einem Herrn erwidern, dass wir von der Schweiz kämen, lässt er uns seinen Blick auf unsere Heimat wissen: «ein Land, in dem alle gleich sind.» Eine tiefgreifende Aussage …
Freitag – Samstag, 21. – 22. Oktober, Tinghir – Erfoud – Merzouga
Wetter: Sonnig. Temperatur 14 – 31°C
In der Provinzhauptstadt Tinghir (ca. 42’000 Einwohner) stoppen wir, um einzukaufen, Geld zu wechseln und zu tanken. Das Einkaufen im gemäss Kohlbach auf die Touristen ausgerichteten Ladens Chez Michèle geht schnell, da das Angebot sehr sehr übersichtlich ist. Ausser zwei Dosen Pringles, Konfitüre, der letzten Packung Nudeln und zwei Büchsen Thon bleibt mein Einkaufskorb leer. Weder Kaffee noch Butter oder z. Bsp. Büchsenerbsen sind erhältlich. Der Vorgang des Wechselns dauert schon einiges länger. Nach der gründlichen Kontrolle meines Passes wird das Bündel Dirham immer und immer wieder in die Zählmaschine eingelesen, bevor es der Kassier mir überreicht.
Mit vollem Tank geht es auf Asphalt in Richtung Süden. Spontan besuchen wir vor Tinejdad den Ksar El Khorbat. Das mit einer Mauer umfasste Lehmdorf wurde von den Einwohnern zusammen mit Spaniern sorgsam restauriert. In der brütenden Mittagshitze besuchen wir das sehr lehrreiche Berbermuseum, das uns einen Einblick in das Leben der einheimischen Stämme von einst und jetzt gibt. Wir steigen über Treppen die mit Fotodokumentationen und Exponaten bestückten Etagen bis zur Dachterrasse hoch und begeben uns via Terrasse zum nächsten Gebäude … Total sind es drei. Am Schluss landen wir, wie es sich bei einem Museum gehört, beim Souvenirshop vor dem Ausgang. Dort sitzen zwei junge Frauen im schummrigen Licht, die Schals in traditioneller Weise besticken. Sabine kann nicht widerstehen und ersteht für 70 DH, knapp 7 CHF, ein solches Foulard.
Der oberflächliche Anblick von unserem Tagesziel Goulmima und seinem Camping animiert uns nicht zum Bleiben. So fahren wir über die Wüstenstrecke SEG, die an den Bauwerken des Künstlers Hannsjörg Voth vorbeiführt, weitere gut 100 km nach Erfoud.
Nach Goulmima führt uns die Streck zuerst an beKwässerten Palmenplantagen und dann an Nomadensiedlungen vorbei. Die folgenden engen Dorfpassagen versuchen wir, so gut es geht, zu umfahren. Dann endlich liegt die flache Steinwüste umrahmt von zwei Bergketten vor uns und wir können auf das erste Kunstwerk von Hannsjoerg Voth zuhalten. Schon von weitem hebt sich die mit Natursteinen gebaute Goldene Spirale von der Natur ab. Den Dimensionen (97x60m) des Kunstwerks liegt eine mathematische Folge von natürlichen Zahlen zugrunde. Gegen das für Marokko beträchtliche Eintrittsgeld von je ca. 15 CHF dürfen wir uns der Spirale nähern. Erst bei der einige Kilometer weiter liegenden Stadt des Orion kriegen wir die Tickets und auch eine Broschüre, die wir dann beim dritten Kunstwerk, der Himmelstreppe vorweisen können. Die Skulpturen, in denen der heute betagte Künstler auch gelebt hat, sind den Umweg und auf jeden Fall auch den Preis wert. Sie sind dank der hierfür gegründeten Stiftung aïn nejma sehr gut unterhalten.
Die Sonne liegt bereits tief über dem Horizont als wir wieder losfahren. Das Licht leuchtet goldig und wir sind im «Stress». Bald … sehr bald wird es dunkel werden und wir sind noch knapp 40 km von Erfoud entfernt. Die Umgebung ist flach und bietet keinen Schutz. Für uns kein idealer Ort für ein Bivouac (wildes Camp). Abgesehen davon verspricht der Campingführer von Frau Kohlbach beim Camping Karla in Erfoud «Wundersames». Doch die letzten Kilometer ziehen sich in die Länge. Je näher wir dem Ziel kommen, desto mehr entfernt es sich gefühlsmässig. Hundemüde erreichen wir im Dunkeln den Zeltplatz. Eine schwach beleuchtete Tafel am Strassenrand weist uns den Weg. Wir fahren durch das Tor und parkieren Hannibal neben einer Dattelpalme.
Wir duschen, essen etwas Warmes (wir sind die einzigen Gäste des Restaurants) und legen uns zu Bett. Bei Tageslicht am nächsten Morgen zeigt sich uns das Ausmass der Vernachlässigung des Campings. Ein verunfallter Mercedes mit eingeschlagener Frontscheibe, zerstörter Hinterachse und zugemüllter Fahrerkabine ist notdürftig mit einer Blache abgedeckt und versinkt neben uns langsam im Staub. Auch der Toilettenblock hat schon bessere Zeiten gesehen und bestimmt seit längerer Zeit keinen Putzlappen. «Woher kommt die positive Bewertung Kohlbach?», fragen wir uns. Sicherlich … zwei Jahre Covid haben an der Substanz genagt. Aber … hätte man diese Zeit nicht auch für Instandhaltungsarbeiten nutzen können, statt auf die Wiedereröffnung zu warten?
Wir sind nicht traurig, als wir Erfoud, das sich seit unserem Besuch vor 23 Jahren von einem Wüstendorf mit drei Nebenstrassen zu einer Kleinstadt mit rund 30’000 Einwohnern gemausert hat, hinter uns lassen. Östlich von Maadid fädeln wir in eine Piste Richtung Süden ein. Die ersten Kilometer bewegen wir uns durch eine breite Schlucht und werden von den dort temporär ansässigen Nomadenfamilien sofort in Beschlag genommen. Ein einbeiniger Hirt sichtet uns von Weitem und «rennt» mit seinen Krücken zum Pistenrand. Das «leere» Hosenbein flattert dabei im Wind wie der Propeller eines Helikopters in der Luft. Wir wissen nicht, ob wir bei diesem Anblick lachen oder weinen sollen. Vorerst stoppen wir. Er fragt uns, ob wir etwas zum Essen und Trinken für ihn haben. Zum Glück können wir ihm mit einem Laib Brot vom Frühstück und einer Flasche Mineralwasser aushelfen. Eine Kurve weiter stoppt uns ein weiterer Hirte. Er wirkt aufgeregt und ist mit seinen Forderungen (Kleider, Schuhe, Essen … und schliesslich) ziemlich aufdringlich. Er bekommt unser letztes Brot und dankt es uns mit einer enttäuschten grimmigen Miene. Er nimmt einen letzten Anlauf uns versucht uns einige Dirhams abzuknüpfen. Ohne Vorwarnung geben wir Gas und lassen ihn verdutzt zurück.
Beim Verlassen der Schlucht breitet sich eine weite Ebene vor uns aus. Es wird holprig und technisch etwas anspruchsvoller. Entsprechend langsam kommen wir vorwärts. Gemäss unserer Routenbeschreibung müssten wir in regelmässigen Abständen auf Fossilien-Verkaufsständen treffen. Doch von diesen bleiben nach zwei Jahren Covid nur noch die Holzgestelle übrig. Sie sind die traurigen Opfer des langen marokkanischen Lockdowns.
Ca. 40 km vor Merzouga bleiben wir zum ersten Mal im Sand eines Oueds (Trockenflusses) stecken – obwohl wir den Reifendruck bereits im Vorfeld reduziert hatten – früher oder später musste dies passieren. Wir lassen noch mehr Luft raus und fahren fast ohne Probleme bis Merzouga. Je mehr wir uns den Dünen des Erg Chebbi nähern, desto intensiver wird der Verkehr. Leider haben sich diese (so wie die umliegenden Gebiete) zum Spielplatz für Offroader, Quadfahrer und Enduro-Motorradfahrer entwickelt. Wie Besessene und mit hoher Geschwindigkeit sausen sie pausenlos und unbedacht über die Dünen.
Wir übernachten in der Auberge La Gazzelle Bleu in Merzouga. Eine kleine und feine Pension mit einem durch eine hohe Mauer umzäunten Campingplatz. Wir werden von Ibraim, dem Besitzer, herzlich empfangen. Von der Dachterrasse beobachten wir das emsige Treiben rund um den Erg Chebbi. Neben den motorisierten «Dünenbezwingern» sind hier auch Kameltreiber, Souvenirverkäufer sowie Touristen, die sich zu Fuss in den Dünen abkämpfen, bis spät in die Nacht unterwegs. Auf wundersame Weise passiert in diesem Wirrwarr heute Abend kein Unfall.
Wir lassen den langen Tag bei einer exzellenten Tajine abklingen (die Küche der Auberge ist vorzüglich).
Sonntag, 23. Oktober, Merzouga
Wetter: Sonnig. Temperatur 14 – 33°C
Heute wird einfach gefaulenzt!
Montag, 24. Oktober, Merzouga – Taouz – Merzouga
Wetter: Sonnig. Temperatur 15 – 33°C
Kurz vor dem Dorf Taouz zweigt rechterhand eine Piste ab. Diese führt nach knapp 5 km zu Felsgravuren. Nachdem wir wieder einmal einer Schar Kinder am Pistenrand ausgewichen sind, überqueren wir eine weisse Wüstenebene. Es staubt, was das Zeug hält. Sonst ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Wir hoffen, dass wir bei den Gravuren nicht schon wieder einen vermeintlichen «Guide» antreffen, der uns den üblichen Ramsch anzudrehen versucht. So weit so gut … bis zu den letzten 100 m alles frei! Dann hinter dem letzten Hügel … voilà … ein Verkaufstand und der dazugehörende Verkäufer. Als er uns sieht (er hatte uns sicherlich bereits vor einer Weile entdeckt … Hannibal ist alles andere als leise und bewegt sich nicht gerade auf samtigen Katzenpfoten) steht er schnell auf und bewegt sich in Position. Wir umkreisen seinen Stand mit Hannibal, stellen den Motor ab und steigen aus. Wir begrüssen ihn freundlich. Er spricht den Standardsatz «Bonjour … ça va? ça va bien? bien dormi?» aus. Wir antworten «standardmässig» mit zweimal «Oui». Wir schauen uns etwas herum und er zeigt uns, mit einer Handbewegung, wo sich die Felsgravuren befinden. Kurz danach gesellt er sich zu uns und versucht uns, in sehr gebrochenem Französisch, die Felsgravuren zu erklären. Irgendwie sind wir froh, dass er dabei ist. Ohne ihn hätten wir kaum die ganze Vielfalt dieser prähistorischen Kunstwerke entdecken können.
Am Ende der «Tour» landen wir wieder bei «seiner» Auslage. Staubige Steindromedare, gestickte Geldbeutel, Hämatit Ketten und -ringe, kleine Fossilien und vieles mehr sind etwas unordentlich und durcheinander auf dem Tisch ausgebreitet. «Wir kaufen nichts … aber wir zahlen gerne für deine Hilfe bei den Gravuren» ist unser Angebot. Er nimmt es gerne entgegen.
Gegen 13:00 machen wir uns auf den Rückweg Richtung Merzouga. Statt wie am Morgen den kürzesten Weg über Asphalt zu fahren, zweigen wir nach Taouz rechts ab und folgen einer Piste, die sich nah an der algerischen Grenze befindet. Mit wenigen Ausnahmen handelt es ist um eine leichte Fahrt. Die Natur beschenkt uns aber mit rosaroten Bergformationen, mit fast weissen Dünen, die in der pechschwarzen Steinwüste wie äusserst hübsche Farbspritzer wirken.
Da die Marokkaner mit den Algeriern nicht gut Kirschen essen sind, treffen wir auf einen Militärposten. Ein fast zahnloser und etwas verwahrloster Beamte (er läuft mit einer zerrissenen Trainerhosen herum) bittet uns, zu stoppen, begrüsst uns mit «Bonjour … ça va? ça va bien? bien dormi?» und fragt uns nach der Fiche. Mit dem Stück Papier in der Hand verschwindet er in sein Büro. Kurz danach erscheint ein anderer Beamte mit einem Tablett Tee, Nüssen und Datteln. «Willkommen in Marokko» begrüsst er uns. Mit einem unsicheren Lächeln bietet er uns seine Gaben an. Der Tee ist kalt, die Gläser waren vor Jahren sicherlich sauber. Aber irgendwie freuen wir uns sehr – an diesem unwirklichen Ort – über diese nette, menschliche und unerwartete Geste.
Der Chef des Postens taucht wieder von seinem Büro auf. «Tout bien?» fragen wir ihm erwartungsvoll. «Tout bien!» antwortet er und gibt uns die Fiche zurück.
In der Zwischenzeit hat sich eine Traube Beamter zu uns gesellt. Keiner trägt eine Uniform oder ist als Soldat erkennbar. Sie kommen uns eher wie Jungs in einem Sommercamp vor, die den ganzen Tag erfolglos versuchen, sich die Zeit tot zu schlagen. Wir bemühen uns, sie mit etwas small talk zu unterhalten. Vergeblich. Sie sprechen und verstehen kaum Französisch. So verabschieden wir uns mit «mai salama».

















































































































